Thomas Wulffen
K.H.Wagner: Einerseits, andererseits
Zum Werk von K.H. Wagner


Zeitgenössische Kunst kennt in der Darstellung keine Form- und Genregrenzen mehr. Ihren Ausdruck findet sie in den unterschiedlichen Medien. Dabei dienen die klassischen Genres der Kunst wie Skulptur. Malerei und Zeich­nung nur als Orientierungshilfe in einem komplexen Universum künstlerischen Ausdrucks. Diese Komplexität wird noch erhöht durch den Einfluss digitaler Medien. In ihnen löst sich der gewohnte Werkbegriff wie der des Autors auf. Kunst scheint gegenüber dem Angriff einer digitalen Wirklichkeit ins Hintertreffen zu kommen. In dem Werk von K.H.Wagner findet sich ein Ausweg in dem Dilemma, die Kunst einerseits als ein Feld der Weiterfah­rung zu behaupten und andererseits die neuen Technologien nicht zu vemachlässigen.

Ein beispielhafter Beleg dafür findet sich in der Installation eines digitalen Fotostudios 1998 im Albertinum in Dresden. Im Kontext der Erkundung eines Pioniers der klassischen Fotografie in einem klassischen Ausstellungs­ambiente, hob das Fotostudio die gewohnte Trennung zwischen Werk und Betrachter auf. Der Besucher konnte sich anhand von Büchern, die öffentlich auslagen. über den Hintergrund des digitalen Fotostudios informieren. Im Fotostudio konnte er sich danach vor einer Bluescreen aufnehmen lassen und vor Ort dann die Einbindung seiner Person in einen digitalen Kontext erleben. Mit Hilfe unterschiedlicher Hintergründe ließ sich die Dislozie­rung seines eigenen Körpers hautnah erleben. Die Entkörperlichung wurde darüberhinaus in weiteren digitalen Bildern vorgeführt. die an den Wänden des "Fotostudios" hingen. Auf ihnen waren u.a. computergenerierte medi­zinische Bildtafeln abgebildet. die so etwas wie Zukunftskrankheiten zeigten. Die Verknüpfung von Vermittlung und Darstellung der Vermittlung ist ein entscheidender Faktor der künstleri­schen Arbeit von K.H.Wagner. Die Verknüpfung ist von besonderer Bedeutung, wenn die Kunst an der Schnitt­stelle von Kunst und Wissenschaft arbeitet.

Deutlich vor Augen geführt wurde diese Verknüpfung in einer Arbeit für das Frauenhofer Institut in Dresden. Dort installierte das Künstlerpaar eine Reihe ausgewählter Bilder, die dem Kontext des Instituts entstammten. Die Artefakte entsprechender künstlerischer Projekte werden einerseits mit den ebenfalls auf Tafeln vorgestellten the­menspezifischen Forschungsergebnissen des Instituts und andererseits mit den Laborräumen, also den Schauplät­zen konkreter forscherischer Tätigkeit selbst. konfrontiert. Zeugnisse wissenschaftlicher und künstlerischer For­schung treten so in Dialog. Diese Präsentation hat ein Gegenbild im Internet. Dort steht der Zugang zur Kunst an erster Stelle, der dann durch Anklicken der Bilder erst in den "Raum" der wissenschaftlichen Forschung fühlt. Dieser Zugang, einerseits real, andererseits virtuell, erhält jedem Bereich seine Eigenständigkeit und eröffnet den­ noch Vergleichsmöglichkeiten.

In einem Workshop im Kunsthaus Dresden hat die Künstlergruppe K.H.Wagner den Dialog mit Wissenschaftlern in die Tat umgesetzt. Dabei überschritten die Künstler eine Grenze, die das Betriebssystem Kunst scheinbar vorraus­setzt. Wo andere Künstler sich nur innerhalb des Systems bewegen und allenfalls das System selbst kritisieren, entwickelt sich die Kritik von K.H.Wagner aus dem Außen heraus: einerseits, andereseits.

Mit dem Projekt "Zukunft im Landschaftsspiegel" wird dieses Einerseits und Andererseits auf eine historische Ebene gehoben. Ausgangspunkt ist der Topos der klassischen Landschaftsmalerei und deren Widerpart in der vir­tuellen Realität. Mit einem Aufruf wurden Kunstfreunde gebeten, ein Landschaftsbild K.H.Wagner zur Verfügung zu stellen. Das ausgewählte Bild soll für den Leihgeber von besonderer Bedeutung sein, wobei das Bildmaterial aus einer realen Quelle stammen kann oder auch virtuell sein kann. K.H.Wagner bearbeiten dieses Motiv und fer­tigen aus ihm ein Gemälde im Format 112 cm mal 90 cm an. Das künstlerische Forschungsverfahren, das sich über die Dauer von fünf Jahren entwickelt, soll den Übergang vom klassischen Landschaftstopos zum virtuellen belegen und ist Teil des future research program von K.H.Wagner. Zu diesem Pogramm gehört auch die Fragebogenaktion.,Das Interface der Kunst" und das dazu gehörige Forum mit achtzehn Referenten im Kunsthaus Dresden. Mit die­sen Projekten erobern sich K.H.Wagner einen diskursiven Raum, der neben dem originären Ausstellungsraum immer mehr in den Vordergrund rückt. Wo bei anderen Künstlem Diskursivität in diesem Sinne nur eine Zugabe, ist sie bei dem Werk von K.H.Wagner notwendiges Ingredienz einer Arbeit. die die Stellung im und die Situation im Betriebssystem Kunst immer wieder hinterfragt. Das zeigt sich schon in der Figur K.H.Wagner, die eigentlich aus zwei Personen bestehen, einer Frau und einem Mann, die beide künstlerische Studien hinter sich haben, aber in der die Figur K.H.Wagner Grenzen des Geschlecht und der Identifikation hinter sich lassen. Und doch bleibt die Zuschreibung auf eine Künstlerfigur möglich.


Einerseits und andererseits.