FRP - exchange set


Gewonnene Erkenntnisse müssen wahrgenommen werden und brauchen hierzu ein schnelles Kommunikationsmittel. In der gleichen Weise wie jeder Forscher, dessen Spachorgan die Publikation bzw. seine Forschungsumwelt darstellt, benötigt K.H. Wagner eine Kommunikationsplattform, um die gewonnenen Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Aktuelle und schnelle Information über den Stand und Verlauf des - future research program - zu bieten ist daher die Grundidee der drei eigens von K.H.Wagner entwickelten unterschiedlichen Vermittlungsformen: Das frp - exchange set, das Mobile Blau sowie die Mehrprojektausstellung sind nicht als weitere künstlerische Projekte zu verstehen; es handelt sich vielmehr um Instrumente zur Kontaktherstellung mit der Öffentlichkeit. Das frp - exchange set ist die schnellste, flexibelste und dabei umfassende Kommunikationsform, indem sie u.a. Raum- und Zeitnischen in öffentlichen Einrichtungen nutzt. Das mobile Set besteht im Inneren aus einer flexibel großen blauen Fläche im verbindlichen Maßverhältnis von drei zu vier und zwei je nach Kontext und Aktualität zusammenstellbaren Projektdokumentationen mit Originalmaterialien. Hinzu kommen je Projekt Informationsblätter auf speziell kreierten Infoblatthaltern, die den Bluescreen flankieren. Die Blätter liefern mithilfe einer Kurzbeschreibung und von Abbildungen - wiederum auf einer bluescreenblauen Fläche im exakten Verhältnis - ein Bild des jeweiligen Projektes. Auf der Rückseite eines jeden Infoblattes werden die Intentionen des - future research program - erläutert. Das Set kann noch durch Kopfhörer mit Übersetzungen der Texte in andere Sprachen ergänzt werden, denn schließlich soll es an jedem potentiell möglichen Ort der Welt die Gelegenheit bieten, den Gesamtkontext der Arbeiten und einzelne ausgewählte Projekte zu erschließen. Die kleinste Informationseinheit des - future research program - bildet das Mobile Blau, eine reduzierte Version des frp – exchange set. Ohne Infoblatthalter werden in einem kleineren aber ebenfalls bluescreenblauen Rahmen je eine Arbeit aus zwei Projekten gezeigt. Die größte Präsentationsform stellt die Mehrprojektausstellung bestehend aus mindestens drei Bluescreens begleitet von je einem Infoblatthalter dar, wobei pro Fläche ein Projekt vorgestellt wird. Die Kommunikationsmittel als eine innerbetriebliche Einrichtungen des Forschungsprogramms von K.H.Wagner, arbeiten am Schnittpunkt von Kunst und Kunstvermittlung und bilden, wie Thomas Wulffen treffend gleichsam das Gesamtwerk der Gruppe charakterisiert, eine „Verknüpfung von Vermittlung und Darstellung von Vermittlung“. Das - future research program - als System der blauen Flächen, der Infoblätter und der verschiedenen Formen der Kommunikation stellt demnach den notwendigen institutionellen Rahmen für die Durchführung der einzelnen Forschungsvorhaben dar. Alle Aspekte des - future research program -, die sich durch die Übernahme jener Vermittlungsfunktion auszeichnen, sämtliches Informationsmaterial bis hin zur Website, werden durch den bluescreenblauen Hintergrund markiert und visuell gerahmt. Nicht selten bildet diese Folie auch einen integrativen Bestandteil der einzelnen Projekte selbst, wie etwa die Arbeitsfläche bei Zukunft Forschung Kunst oder die Fensteraushänge im Rahmen von Zukunft Wirtschaft Kunst bzw. auch der Hintergrund des digitalen Fotostudios bei The End of Evidence. Ursprünglich handelt es sich bei der Bluescreen-Technik um ein Verfahren, bei dem Schauspieler vor einer dunkelblauen Wand gefilmt werden, welche mit Hilfe eines Gelbfilters bei der Aufnahme unterdrückt wird. Gleichzeitig wird eine Aussparungsmaske für einen getrennt aufgenommenen Hintergrund angefertigt. Anschließend erfolgt die Montage beider Filme. Man wählte das Blau, da es die am seltensten vorkommende Farbe am Menschen ist, so die Trennung von Körper und Umgebung optimiert werden konnte. Auch K.H. Wagner nutzt diese perfekte, neutrale Projektionsebene, auf welcher die Konturen des Menschen klar und deutlich zu tage treten. Das Bluescreenblau ist für K.H.Wagner auch ein Symbol heutiger Schnittstellenstituation zwischen realer und virtueller Welt. Gleichzeitig ist es visueller Ausdruck für die angestrebte systematische Konzentration durch Zusammenführung. Der Begriff „Bluescreen“ kennzeichnet überdies die Instabilität des Windows-Systems: Ein Bluescreen auf dem Monitor erscheint bei einem autoevozierten System-Absturz als Schutzfunktion vor möglichem Datenverlust bei gravierenden Hard- oder Softwareproblemen. Er informiert und warnt vor dem Zustand der Funktionsuntüchtigkeit des Systems, markiert den Nullpunkt bzw. Umkehrpunkt des Computerbetriebs, eine gleichfalls assoziative Analogie. K.H.Wagner schufen sich mit dem - future research program - , den Infoblättern und den drei Kommunikationsinstrumenten einen Forschungsrahmen, der es ihnen erlaubt, in einer Fülle von Einzelforschungsvorhaben jeweils ganz spezifische Aspekte von Zukunftsgrundlagen untersuchen und dokumentieren zu können. Jede einzelne Arbeit ist wesentlich für die bildnerische Formulierung des künstlerischen Anliegens im Detail, aber auch als Baustein für das zu synthetisierende allgemeine Bewegungsprinzip von der Vergangenheit in die zu gestaltende Zukunft. Gleichermaßen bedeutsam und kennzeichnend wie die konsequente Wiederholung des Bluescreenblau auf allen Ebenen des Arbeitssystems ist die wissenschaftsanaloge Systematisierung, Registrierung und Einordnung durch die laufenden Nummern sowohl der Infoblätter als auch der einzelnen künstlerischen Artefakte der durchgeführten Untersuchungen. Die jeweilige knappe, verbale Erläuterung der Projektinhalte trägt in effektiver Weise zum Verständnis der Ideen bei. Über dieses komplexe aber geordnete Netzwerk treten die Einzelprojekte in Beziehung zueinander. Die hierarchische Strukturierung ihrer Vorgehensweise, bei welcher das singuläre künstlerische Produkt Teil des Projektes und dieses wiederum stets eine Teilmenge des Programms darstellt entspricht ihrem Verständnis vom Verhältnis Kunst und Wissenschaft: Die spezifische Erkenntnisfähigkeit der Kunst durch Sinneswahrnehmung, ist ein Teil der Heuristik, während die Heuristik wiederum in die Wissenschaftstheorie integriert werden kann. Gleichermaßen lässt sich auch die Erforschung von Zukunftsgrundlagen in die Zukunftsforschung einbetten, die wiederum einen Zweig der Wissenschaft darstellt. Der Grundlagencharakter des - future research program - basiert auf dem aristotelischen Dualismus zwischen Allgemeinen und Besonderen. Der Wissenschaftler unter den Philosophen ist auch im Zusammenhang der Herausstellung des richtigen Maßes ein interessanter Bezugspunkt. Davon zeugen beispielsweise die Wahl des Größenverhältnisses des Bluescreen. Inspirierend für die Strukturierung ihrer Arbeit war u.a. der „Kritische Rationalismus“ Karl Raimund Poppers und dessen Fortführung durch Imre Lakatos. Die Kritik am Dogmatismus der Verallgemeinerung von induktiv gewonnenen Erkenntnissen, dem die Entwicklung von Falsifizierungsprinzipien zur Erweiterung des Denkspielraums sowie zur Dynamisierung von Wissenschaftstheorien entgegen zu setzen sind, ist ein wichtiger Ausgangspunkt der Gedankenwelt K.H.Wagners. Außerdem ist die Entscheidung ein Forschungsprogramm als Arbeitsform zu wählen, Methoden damit interdisziplinär anzuwenden im geistigen Kontext von Lakatos Ideenwelt zu begründen.