future research program - von K.H.Wagner


K.H.Wagner beschäftigt sich in künstlerischer Forschung und Aufklärung mit den Grundlagen realer Zukunft. Die Arbeit erfogt in Strukturen, die denen eines Forschungslabors gleichen. Im Zentrum der Tätigkeit stehen künstlerische Untersuchungen mit gesellschaftlich kultureller Relevanz. Die Ergebnisse werden auf bluescreenblauen Flächen in realen Räumen, auf Informationsschriften und im Internet vorgestellt. Die Entwicklung der Gesellschaft kann durch Kunst beeinflusst werden, indem sie reflektierend in Strukturen und Prozesse hineinwirkt und diese durch Bildlichkeit benennt.


1.Inhalt des - future research program -
Gestaltung der Gesellschaft durch das Aufzeigen von Handlungsnotwendigkeit


Wie vollzieht sich die gegenseitige Durchdringung von Kunst und Gesellschaft? Der Künstler ist Teil der Gesellschaft. Gleichzeitig ist Kunst Bestandteil dieser und hat einen entsprechenden Wirkungskreis. Ästhetische Einheiten und Formulierungen sind nicht auf sich beschränkt, sondern gehen darüber hinaus komplexe Beziehungssysteme ein. Aus Ideen und Visionen wird Konkretheit. Dinge werden in der Vorstellung zur Wirklichkeit, obwohl diese noch nicht existieren kann. Diese Vorstellungskraft verbunden mit Optimierungs- und Entdeckerwünschen gibt der Wissenschaft eine legitime Autonomie. Verbindet sie sich mit sie sich mit wirtschaftlichen Interessen, die wiederum an entsprechende menschliche Wünsche und Ideen gekoppelt sind, nimmt sie dann reale Gestalt in Form von gesellschaftlicher Veränderung an. Evolution ist ein kultureller Sog. Sie ist nicht mehr eine natürliche Anpassungsphase, sondern entspringt wissenschaftlich forscherischen Interessen. Die Forschungsergebnisse werden somit auch in wachsendem Maß zu prägenden Kapital- und Machteinheiten. Die Wissenschaft nimmt in verschiedener Hinsicht eine immer zentralere Position innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges ein, welches selbst mehr und mehr als vielfältiges Ganzes erfahren wird indem sich Grenzen zunehmend weiter auflösen. „Erst recht halte ich die Unterscheidung wirtschaftlich, sozial, kulturell für irreführend.“ Niklas Luhmann


II. Thema des - future research program -
Arbeit zur Kultur der Gesellschaft - Komplexität und Dynamik der Beziehungssysteme


Gesellschaft zu gestalten bedeutet für uns, sie in ihrer Kultur zu formen. „Wir verstehen unter Kultur die Instanz, die Aussagen trifft, über die Qualität, sowohl der Beziehungen des Menschen zum Menschen und zu anderen Teilen der Realität, als auch über materielle und geistige Bereiche an sich. Praktisch reicht dies von der Kultur des Umgangs der Menschen mit den Ressourcen der Welt bis zur Kultur der bildnerischen Mittel. Durch die Visualisierung der Verbindung Kunst-Gesellschaft möchten wir die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf wesentliche Probleme lenken. Die heutige Realität erscheint kompliziert, die Verhältnisse haben an Festigkeit verloren...“ K.H.Wagner 1993


III. Form des – future research program -
Adaptionen aus der Wissenschaft konkrete Form für spezifische Themen


Durch den Prozess der stärkeren gesellschaftlichen Fokusierung wissenschaflicher Forschung werden entsprechende Wahrnehmungsgewohnheiten immer wieder angepasst. Formen sind äußere Erscheinungen innerer Zusammenhänge. Die Formanleihe erfolgt aus unterschiedlichsten Wissenschaftsgebieten, z.B. der Medizin, Soziologie, Erziehung, Materialforschung, Archäologie. Konkrete Form für spezifische Themen verweist auf das Primäre der Idee, für deren Realisierung die jeweils tragfähigste Form gewählt wird. Auch wenn künstlerisch assimiliertes wissenschaftliches Formverständnis nur handbreit neben eigentlichen Wissenschaftserscheinung oszilliert, zumal der Kunstbegriff von K.H.Wagner Parallelität zum Wissenschaftsbegriff aufweist, ist das Gesamtvorhaben in jedem Fall Kunst und nicht Wissenschaft. Im Einzelnen können in unserer künstlerischen Forschung ebenso Materialien die Form unterbauen, die im Allgemeinverständnis als kunstspezifisch gelten.


IV. Methodik –future research program -
Kommunikation, Modellbildung, Konstruktion, Projektion, Intervention


So wie die Form referiert auch die Methodik wissenschaftlicher Arbeitsweise. Die genannten methodischen Strategien wurden in den vergangenen Jahren von K.H.Wagner in verschiedenen Projekten angewendet. Reflexionen über Gesellschaft, die von einer Zuweisung zu spezifischen Themen getragen sind, werden nicht ohne klare methodische Ansätze auskommen. Die Arbeitsweise von K.H.Wagner zeichnet sich aus durch „... Überschreitungen zwischen Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Alltag.“ Dr. Klaus Nicolai 1998


V. Interface des - future research program - Bluescreenblau im 3:4 Format als Wand-, Boden-, oder Wand-Boden-Fläche bzw. Gruppierung von Flächen und zugeordnete Informationsschrift

Technologien und elektronische Medien haben die visuellen Erlebnisfelder unserer Gegenwart geprägt. Schnelligkeit der Bildfolgen mit neuen Inhalten haben die Wahrnehmung der letzten Jahre entscheidend verändert. Entsprechend andere Bildformen als Transportmittel von neuen Bildinhalten sind notwendig, um Erreichbarkeit zu erzielen. Deshalb wurde von uns eine erweiterte Präsentationsebene von Bildwelt entwickelt. Realer Raum ist museal und marginal angesichts digitaler Vernetzung und virtueller Welten. Die Räume des 21. Jahrhunderts sind plurale Gebilde der Informationen. Betrachtungsweisen passen sich entsprechenden Veränderungen an. So haben wir den Raum auf eine Fläche reduziert, die sich abgegrenzt von ihrer Umgebung und definiert wird durch die Farbe Blau und dem Maßverhältnis von 3:4. Das von uns verwendete Bluescreenblau entspricht 100% Blau der RGB Farben und findet sich auf jeden Computer wieder. Die Bluescreen ist im Projektzusammenhang Symbol für eine wesentliche Trennlinie des beginnenden 21. Jahrhunderts, die zwischen der realen und der digitalen Welt verläuft. Eine Farbfläche als Wahrheitsebene zwischen Realität und Projektion. Heute ist Platons Höhlenwand blau und bedenkenswerter denn je, weil die Spiegelung des Realen im Virtuellen zum Zentrum aller Information anwächst. Die digitale Welt ist als Standard computeradäquater Umwelt entstanden und bildet die Voraussetzung für die einschneidenste Veränderung in der Geschichte der Menschheit, die Entstehung künstlicher Intelligenz. Spätestens wenn das Nachrüsten menschlicher Rechenleistung uneffektiv ist, wird die Tragweite der Vernetzung offenbar. Die Bluescreen, ein Menetekel menschenloser Zukunft? In der Gegenwart ist die revolutionäre Infrastrukturerweiterung von globalen ökonomischen, wissenschaftlichen und sozialen Verwerfungen gekennzeichnet. Wird die Herstellung harmonisch ausgewogener Verhältnisse dem Menschen Zukunft sichern? Sind die Vernunft maßvollen Verhaltens und Ausgewogenheit wesentliche Grundlage realer Zukunft? Das 3:4 Format der Fläche bzw. das 1:√2 des Infoblattes stehen für dieses Überlegen. Im Rahmen gesicherter Verhältnisse wird nach Wesentlichem für Zukünftiges gesucht.


Dresden, 1999