Future Research Program


Marcel Duchamp behauptete von der Kunst sie sei „das einzige, was Menschen übrig bleibt, die der Wissenschaft nicht das letzte Wort überlassen wollen“. Analog dazu wagt K.H. Wagner mit unterschiedlichen Einzelprojekten im Rahmen des - future research program - die Untersuchung verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche auf ihre Zukünftigkeit bzw. Zukunftsfähigkeit hin. Mit dem - future research program - ist ein stabiler Rahmen entstanden, „in dem wir Projekt für Projekt die Grundlagen realer Zukunft mit künstlerischen Mitteln sichtbar machen wollen. Die Gestaltbarkeit eines menschenwürdigen Lebens wird von uns in empirischen Untersuchungen wie in synthetischen Modellbildungen beispielhaft problematisiert, um anhand dieser Konstruktionen auf Notwendiges zu verweisen.“ Mit dem – future reserach program – aktualisieren die beiden K.H.Wagner-Künstler die Forderung von Hans Jonas nach der Verantwortung des heutigen Menschen für eine bewohnbare und lebenswerte Welt auch für zukünftige Generationen. Jene Pflicht jedoch wird oft durch die Anforderungen an das tägliche Dasein erstickt, wodurch hochdynamische, sich permanent im Wandel befindliche und damit gestaltbare Situationen nicht selten für stabil, normal und unabänderlich gehalten werden.

1999 wurde von K.H.Wagner retrospektiv der übergreifende Programmname – future research program - gewählt, womit die bereits realisierten Entwürfe in einen konkreten Kontext gesetzt sowie gleichermaßen das Ziel der künftigen künstlerischen Arbeit definiert werden konnten. Seit 1993 entstanden Werke wie „Zukunftskrankheiten“, eine Serie von computergenerierten Bildtexttafen, oder das „Mappenwerk“, ein Interaktives Multiple, dessen Inhalt aus kleinformatigen, farbigen Mäppchen in „Schönschrift“ mit dringenden sozialen oder ökologischen Kernproblemen gekennzeichnet seinen Besitzer zum Sammeln von Gedanken anregen soll. Kaufhaussituationen wie Wühltische zeigen die Fotografien des Projektes „Konsumtion“. Mit einer vierteiligen Schrifttafel konterkariert K.H.Wagner die Diskurse um Ost- und Westkunst, fügt beide zur „Ost West Kunst“ und richtet den Blick auf die Kunst als solche. 1996 legten die Künstler mit einem Klebeband, welches mit der Aufschrift „come to...“ die Versprechen neuer Medien hinterfragte, Pfade zum Internetterminal des Medienkulturzentrums Pentacon. Im Rahmen des „earthproject“ agierten die Künstler im öffentlichen Raum Internet, der aber durch das „earthlab“ in der realen Umwelt verortet blieb. In der Publikation zum „Erdprojekt“ betont Torsten Birne den Ansatz zur Behebung „der kommunikativen Leerstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen Kunst und Technik“. Künstlerische Mittel wie Kommunikation, Fotografie, Computer, Video, Objekt und Installation, aber auch Malerei oder Zeichnung bekommen durch K.H.Wagner eine neue Aufgabe zugewiesen; Sie dienen der Forschung und Information, sind Arbeitsinstrument und Botschaft zugleich. Ihr Formenkanon verändert sich somit zwangsläufig auch innerhalb des Mittels selbst und lässt sich nur schwerlich in bekannte Stilkategorien einreihen. Die künstlerischen Medien werden zu Forschungswerkzeugen und K.H.Wagner selbst versteht sich als künstlerische Forschungsgemeinschaft: „Analog dem Naturwissenschaftler, dem auch eine unbegrenzte Zahl von Verfahren und Labortechnologien zur Verfügung stehen, aus der er jeweils auf das im jeweiligen Forschungsauftrag geeignete zugreift, verwenden wir dieses oder jenes künstlerische Mittel, was für die jeweilige Untersuchung am besten geeignet ist.“

Die Künstlergruppe arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und bewegt sich in einem breiten Spannungsfeld von Philosophie, Ökonomie und Naturwissenschaft. Den künstlerischen Ansprüchen an die Visualisierungsfunktion von Unsichtbarem oder vermeintlich Nichtabbildbarem gerecht werdend, positionieren sich die Künstler als der Wissenschaft gegenüber unbelastete Vermittler mit Verweisfunktion. Anders als Wissenschaftsprogramme ist Kunst nicht verifizierbar oder falsifizierbar, sondern besitzt einen ästhetischen Wahrheitscharakter. „Die sogenannte Schnittstellenproblematik verdient in der Tat immer stärker unsere Aufmerksamkeit“ konstatiert Jean Christophe Ammann. 1999 warfen die Autoren des Kunstforum International „Dialog und Infiltration. Wissenschaftliche Strategien in der Kunst“ die Frage auf, ob „ein Dialog zwischen der subjektivistischen Kunst und der objektivistischen Wissenschaft zu einem vernetzten Denken führen“ könne? Die Trennung der beiden Bereiche Kunst und Wissenschaft scheint ohnehin jüngeren Datums zu sein. David Hockney äußert hierzu in seiner Autobiographie: „Die Welt in meinen Augen (hrsg. von Nikos Strangos, 1993), dass die Verbindung, die in der Vergangenheit zwischen Kunst und Wissenschaft bestand, verschwunden sei. „In der Renaissance waren viele Künstler auch Wissenschaftler. Trotzdem glaube ich, daß die Trennung zwischen den beiden mittlerweile langsam wieder abgebaut wird.“ Prominentestes historisches Beispiel ist Leonardo da Vinci, bei dem keine Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeitsweise auszumachen ist, für dessen Arbeit keine Grenzen zwischen beiden Bereichen zu existieren scheinen. Heute beschäftigen sich Künstler wie Carsten Höller, Marc Dion oder auch Damien Hirst mit der Adaption wissenschaftlicher Mittel für den Kunstkontext. K.H. Wagner hingegen forscht mit künstlerischen Mitteln, bedient sich dabei aber wissenschaftlicher Methoden wie der Bildung von Analogien, Entwicklung von Modellen und der Durchführung von künstlerischen Experimenten. Ihre Kunst stellt somit einen selbständigen Beitrag zur Diskussion um die Möglichkeit der Verbindung von Kunst und Wissenschaft dar. Anregend für ihre Arbeit wirkten sich die Werkserien von Terry Winters oder die Arbeiten von Peter Halley aus; mit welchen die Öffnung des klassischen künstlerischen Mediums Malerei für einen wissenschaftlichen Diskurs einsetzte. Diese Ansätze wurden von K.H.Wagner zu einem Instrumentarium weiterentwickelt, welches die Erforschung der spezifischen Strukturiertheit der Grundlagen menschlichen Daseins unter dem Aspekt der Zukunftsantizipation erlaubt.

Das - future research program - wurde nicht zu letzt dafür entwickelt, durch Koordinierung unterschiedlicher künstlerischer Projekte zu komplexen Lösungen bei der Erforschung von Zukunftsgrundlagen zu gelangen. Es gewährleistet die Erweiterung des individuellen Denkspielraums unter dem Gesichtspunkt der Überwindung des Solipsismus, der das einsam denkende Ich als einzige Geltungsgrundlage annimmt. In den Sechzigern eignete sich die Pariser Groupe de Recherche d’Art Visuel (GRAV), Methoden wissenschaftlich forschender Gruppenarbeit an, um so einerseits den genialischen Einmannkünstler und die Stille des Einzelnen in Frage zu stellen und andererseits Kunst und Leben in einem antielitärem Gesellschaftsmodell zu verbinden. Konsequent gesteigert wurde dies bei Ihnen sowie auch bei der Mailänder Gruppe MID zusätzlich durch die Verwendung industrieller Materialien und technischer Apparaturen. In den neunziger Jahren lösten sich bei der englischen I/O/D die Grenzen zwischen Künstlergruppe und technischem Entwicklerteam vollständig auf. Ein konsequenter Schritt, der letztlich aus der Einsicht in die Überschneidung von Arbeitsweisen von Kunst und Wissenschaft in der Ideenentwicklung und Zusammenhangherstellung von Dingen, die vorher noch nie in Zusammenhang gebracht wurden, notwendig war. Die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft, die interdisziplinäre Gruppenarbeit und die daraus resultierende Vervielfachung von kreativem Potential lässt nachhaltigere und komplexere Ideen und Ansätze erwarten, als sie in der Einzelarbeit auf jedem Gebiet möglich wären.