earthproject von Torsten Birne


Kunst im Internet hat es schwer. Zum einen wiederholt sich derzeit, wenn auch in beschleunigter Form, die übliche Abfolge des Etablierungsprozesses neuer Medien im Kanon der Kunstszene. Um dort anzukommen, brauchte etwa das Video seit den ersten Tapes von Nam June Paik oder der Galerie von Gerry Schum rund 25 Jahre, bis die eigene Historisierung einsetzte, sich eine ausdifferenzierte Infrastruktur mit Festivals, Preisen, Sammlungen sowie von als mehr oder weniger wichtig erachteten Künstlerinnen und Künstlern etc. herausgebildet hatte und diese fraglos in das Spektrum 'künstlerischer' Äußerungen integriert war. Dabei galt das Augenmerk zunächst der Erkundung und Ausreizung der dem Medium eigenen Möglichkeiten. Bei der Fotografie scheint sich sogar die Ansicht durchzusetzen, dass der letzte Schritt zur Integration erst seit den 80er Jahren dieses Jahrhunderts vollzogen wird, also rund 150 Jahre nach ihrer Erfindung und parallel zur völligen Verfügbar-und Manipulierbarkeit des -digitalisierten Bildes, die das Foto endgültig vom Makel der bloßen 'Aufnahme' des Vorhandenen befreite. Das 'earthproject' von T. Neuzeit aus Dresden findet im Internet statt. Aber ist es ein 'Internet-Projekt'? Zwei Dinge will die Arbeit leisten: zunächst ein Forum schaffen für eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen zur Zukunft unseres Planeten im Sinne einer 'ökologischen' Forschung, Ökologie hier allerdings nicht im Sinne einer heruntergeschraubten Diskussion um Benzinpreise und 'Park and Ride', sondern im Wortsinn, also einer - globalen - Haushaltsführung. Und es will ein Defizit beheben, das sich beschreiben ließe als Fortschreibung der kommunikativen Leerstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen Kunst und Technik mit lediglich anderen Mitteln. Die communities kommunizieren unter den Bedingungen schnelleren Austauschs und immer höherer Informationsdichte. Dabei bleiben sie aber - wie gehabt - unter sich; und das, obwohl doch gerade die gebräuchlichsten Metaphern zur Beschreibung des Netzes, sofern sie wie häufig der Fall - Begriffsfeldern der Geographie entstammen und eine Kartographierung bislang unerforschter Gebiete im neu erreichbaren Raum einfordern, die Überschreitung von Grenzen durch die User nahelegen. Insofern ist natürlich die immer noch offene, verzweigte Struktur des Netzes geeignet und vermutlich tatsächlich besser geeignet als andere Kanäle, um ohne große Mühe Gesprächsknoten und -fäden zu knüpfen. Wichtiger als dieses Geschehen i.nnerhalb des Netzes aber scheint mir das 'earthproject' als Erweiterung einer schon zuvor - sozusagen im real Iife - angelegten Arbeitsform. Elemente dieser Arbeit waren und sind unter anderem das dreitägige Gesprächsforum "Werktage - Das Interface der Kunst" in der Städtischen Galerie für Gegenwartskunst 1998 samt dessen Dokumentation per Reader oder Installationen im Öffentlichen Raum wie in diesem Jahr in Dresden-Gorbitz und nicht zuletzt die Arbeit in einem durchaus im traditionellen Sinne als Atelier erscheinenden Raum, wo parallel zur virtuellen Anmutung an deren haptischen Korrelationen gearbeitet wird. Insofern ist die Arbeit am 'earthproject' mindestens ebenso sehr Ausdruck der aktuellen Gemengelage in der zeitgenössischen Kunst und der dort nicht mehr möglichen und vor allem nicht mehr sinnvollen Grenzziehung zwischen einst streng voneinander geschiedenen Disziplinen wie sie auf die derzeitige Praxis der Internet-Nutzung reagiert. Sie tut dies zudem mit einem genuin künstlerischen, derzeit höchst aktuellen und keineswegs dem Internet vorbehaltenen Verfahren, nämlich der Bereitstellung eines Betreiber-Modells. Ähnlich wie viele junge Künstlerinnen und Künstler derzeit an aktionistischen Praktiken als gangbare Wege zu einer Kunst im öffentlichen Raum arbeiten, läßt sich das 'earthproject' als Intervention in den Raum des Internets verstehen. Dabei besteht die Rolle des Künstlers nurmehr in der Entwicklung eines möglichst selbstverständlich erscheinenden Aktionsrahmens und knappe Regieanweisungen sowie die vereinzelte eigene Stellungnahme, hier etwa im Sinne eines Diskussionsbeitrags. Ansonsten liegt das Augenmerk auf der Initiierung sozialkommunikativer Potentiale oder eben dem Anstoß zu einer Diskussion einer thematisch eingegrenzten gesellschaftlichen Problematik. Diese Verschränkung liegt nahe, und sie ist umso notwendiger, als die bekannten Potentiale der Bedrohung des Öffentlichen so viel stärker zu wirken scheinen, im Internet und anderswo.

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